Ein Interview mit Ilse Baumgarten zum Weltfrauentag

Meine Freundin Ilse ist vor Kurzem aus der Ammersee-Region zurück in die Stadt gezogen. Wir trafen uns im Café Ruffini in München. Das erwähne ich deshalb, weil das Ruffini, wie es von allen nur genannt wird, zum Thema des Folgenden irgendwie passt. Das Ruffini ist eine Münchner Institution. 1978 ins Leben gerufen, besteht es bis heute als selbstverwaltetes, von den Mitarbeitenden geführtes, „cheffreies“ Café mit angeschlossenem Ladengeschäft. Seit bald einem halben Jahrhundert beste Qualität an Speisen, Getränken, Kuchen (köstlich!) im hellen, zeit- und schnörkellosen, freundlichen Ambiente; basierend auf einer politisch motivierten guten Idee, die – wie man sieht und schmeckt – super funktioniert.

An diesem Vormittag im Ruffini sagte Ilse einen Satz, der einen Nerv bei mir traf. Nein, eine Genervtheit! Eine Wut! Aktuell nervt mich nämlich die überlaute Präsenz ätzender, rückwärtsgewandter, völlig selbstbezüglicher Männlichkeit in zu vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. Das liegt sicher an den (alten, weißen) Autokraten, Möchtegern-Diktatoren, superreichen Technik-Brüdern, die sich derzeit auf der Weltbühne tummeln. Es liegt auch an einem Gefühl von Verlust: dass bestimmte Errungenschaften, die im Zuge der Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Nazi-Faschismus, im Zuge des 68er Aufbruchs, im Zuge des Feminismus, der Friedensbewegung, der Klimabewegung und anderer, dem Geist der Aufklärung verpflichteter emanzipatorischer Bewegungen, dass diese Errungenschaften nun Stück für Stück der Menschheit wieder abhanden kommen. So scheint es jedenfalls.
Seit Jahresbeginn verspüre ich keinerlei Lust mehr, Bücher von Männern zu lesen; offenbar um mein inneres Gleichgewicht auszubalancieren. Ich erzählte Ilse davon, da sagte sie den denkwürdigen Satz: „Ich lese seit vierzig Jahren nur Bücher von Frauen.“

Zum Weltfrauentag 2026 also ein Interview mit Ilse Baumgarten. In Bayern finden an diesem 8. März Kommunalwahlen statt, in Baden-Württemberg wird der Landtag gewählt. Auf den Wahllisten sind, einmal mehr, zu wenige Frauen gelistet, vor allem bei den konservativen Parteien und denen aus dem rechten Spektrum.
Wir treffen uns eine Woche später erneut, diesmal in Ilses Wohnzimmer. Ilse äußert zunächst ihre Verwunderung über meine Fragen, die ich ihr zur Vorbereitung des Interviews gemailt hatte.

Ilse: Verwunderung darüber, wie eine Bemerkung, die ich jetzt, 2026, dir gegenüber gemacht habe, zurückgreift in eine Zeit, die 40 Jahre zurückliegt und — ach, so ein Moment von Aufbruch, von Euphorie gewesen ist – und wie dieses Spielerische von damals, auch Entschlossene, radikal in gewisser Weise, heute in einen Kanon kommt, der erklärungsbedürftig wird, plötzlich abgeklopft wird auf seine Tauglichkeit.

Frage: Magst du damit anfangen zu erzählen, wie es überhaupt zu deiner Entscheidung, nur noch Bücher von Frauen zu lesen, kam? Wie war es vor 40 Jahren?

Ich kann den konkreten Anlass nicht mehr nennen. Aber die Situation, in der ich mich befand, war so, dass ich zum Ende meines Studiums, eines Architektur- und Planungstheoretischen Studiums, eine ganz dezidiert feministische Perspektive formulierte. Das korrespondierte damit, dass ich auch so gearbeitet und gelebt habe. Wir wohnten in einer Frauenwohngemeinschaft und betrieben als Frauenwohngemeinschaft zu viert gemeinsam den Frauenbuchladen in Aachen. Das war unser Umfeld.
Ich bin Jahrgang 1953, bei mir war es zum Ende des Studiums, für zwei von den anderen während des Studiums, die vierte war von Beruf Buchhändlerin.
Natürlich stellte sich die Frage, wenn irgendwelche Verlage kamen und ihre Bücher vorlegten, wie wählst du aus? Was ist relevant für das Konzept des Frauenbuchladens? Es ist auch eine persönliche Frage, was lese ich? Womit verbringe ich meine Zeit? In dieser Phase stand für mich irgendwann fest: Ich lese jetzt nur noch Bücher von Frauen! Das hatte wirklich was Erleichterndes und Spielerisches.
Ich habe nie das Gefühl von Mangel, nie das Gefühl, etwas zu verpassen. Wenn jemand zu mir sagt, das Buch musst du unbedingt lesen, kann ich antworten: Mag für dich interessant sein, ist sicherlich auch ein gutes Buch, aber ich habe gerade keine Zeit dafür, es steht anderes an. Also, das war sehr selbstverständlich. Und das blieb es für mich bis heute.

Wie bist du überhaupt zu deiner feministischen Sichtweise gekommen?

Du katapultierst mich ins Jahr 1978 zurück! [Überlegt.] Hm, welche privaten Wurzeln hat dein politisches… dein Handeln, das politisch relevant ist?
Ich komme aus einem Haushalt, in dem Männer eigentlich abwesend waren. Das heißt, die Frauen um mich standen sehr im Leben, waren rege, vorwärts gehend. Aber das, was sie gelebt und was sie propagiert haben, war nicht meins. Gleichwohl hatte mein Weg anfangs etwas Konventionelles. Die Verführung, es zu machen wie meine Mutter, meine Tante, war abschreckend, doch auch so leicht. Und aus dieser Falle heraus hat mich, glaube ich, das Verliebtsein geführt.

Ich war damals zum Studium in Aachen. Aachen hatte eine ziemlich aktive Frauenbewegung. Damals klassischerweise „Frauen helfen Frauen“. Dann als Neugründung nach Berlin der erste „Notruf für vergewaltigte Frauen“. Es war alles eine große politische Diskussion. Als Ebene darunter: die Lesben sind diejenigen, die überhaupt diese enorme Kraft entwickeln, so vieles in Frage zu stellen.
Die Fragen, die aufgebrochen wurden, machten keinen Halt vor meinen Studieninhalten. In Berlin fand in den Jahren 1976 bis 1983 die Sommeruniversität für Frauen statt, die erste ihrer Art in Europa. Aus dieser Erfahrung resultierte die Überlegung, warum machen wir nicht auch für die Architektur ein themenspezifisches Treffen? Was sind unsere feministischen Perspektiven? Es war aufregend! Während dieser Tagung habe ich mich so sehr in meiner Kraft, in meiner Authentizität gefühlt. …das hieß damals „Hexenstudientage“… [lacht]. Es war inhaltlich spannend, sehr kreativ mit tollen Referentinnen und hatte was ganz Leichtes, in dem Sinn: wir organisieren das, wir stemmen das. Der Widerstand aus der Fakultät war für uns eher Sparringspartner. Wir brauchten uns kaum dagegen zu stemmen, sondern wie der kam, gingen wir hoch. Das war so leicht!
Dann veränderte sich meine Wohnsituation hin zur Frauen-WG. In der WG arbeitete eine im Frauenbuchladen. Wir sind eingestiegen und so ging es weiter. Nix geplant. Aber sehr stimmig. Und sehr verliebt.

Bedeutete das mit dem Frauenbuchladen für dich eine berufliche Wahl oder entstand es aus dem Aktivismus heraus?

Das war Aktivismus. Es lief gleichzeitig. Ich hatte mich damals beim Senat in Hamburg beworben. Eva Rühmkorf leitete dort die erste Gleichstellungsstelle. Ich fand, Architektur sollte unbedingt zu ihren Inhalten gehören. Eva Rühmkorf hat mich empfangen, wir haben uns unterhalten, doch weiter ging es nicht. Frauenthemen waren beschränkt auf Arbeit und Soziales. Punkt. Straßenunterführungen, Wohngesetzgebung spielten damals keine Rolle. Darin hätte ich meine berufliche Perspektive gesehen, die gestaltete sich jedoch schwierig. Ich bewarb mich auch bei der FU im planungstheoretischen Zusammenhang… es wurde halt nichts. Aber der Frauenbuchladen war jeden Tag da. Und jeden Tag auch die Auseinandersetzung, ob wir uns das überhaupt ökonomisch leisten können. Wir haben jenseits der Armutsgrenze damit verdient. Erst 1982 ging es nicht weiter. Wir mussten die GmbH liquidieren, was innerhalb der Szene äußerst kritisch gesehen wurde. Wir sind ziemlich angefeindet worden. Man hält die Fahne aufrecht!
Wir hätten es, denke ich, nicht an jemanden übergeben können, das universitäre Umfeld hatte sich stark verändert. Die Geisteswissenschaften in Aachen wurden geschlossen. Die PH wurde eingeschränkt. Die RWTH Aachen, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, wurde immer mehr zu dem, was sie im Grunde sein wollte, Forschungsinstitut für die Wirtschaft, Maschinenbau und so. Auch der linke Buchladen krebste rum. Ende einer Ära.
… aber eine GmbH zu liquidieren ist immerhin eine Erfahrung. [schmunzelt]

Und wie ging es weiter – beruflich?

Ah, Schnee von gestern…  Wie es weiterging? Ich habe mir gesagt, ok, du hast dein Diplom (Dipl. Ing.), du hast ein Faible für Bücher, ich gehe in Architekturverlage. Das bedeutete den Bruch mit der Ausrichtung auf den Feminismus, es ging dann nicht mehr. Über dieses Sprungbrett bin ich im Verlagswesen gelandet. Erst ein bisschen Architektur, dann ein bisschen Technik, später wurde daraus populäres Sachbuch.

Was hast du in den Verlagen, in denen du warst, gemacht?

Eine kurze Zeit Lektorat. Danach Öffentlichkeitsarbeit. Presse, Veranstaltungen, Autorenpflege.

Wie ging es dir damit, das zu machen mit deiner feministischen Ausrichtung?

[Überlegt…] Ich konnte sie privat weiterleben, in meiner Beziehung, mit meiner Frau.
Im Blick nach außen… war es zweierlei: den Rollback zu erleben, während wir eigentlich noch aktiv waren, und mich davon zu distanzieren, was dann kam. Die Gender-Diskussion, die nach uns kam, war nicht meine. Ich hatte das Gefühl, dass unsere radikalen Positionen alle verwässert wurden. Die flossen in den akademischen Kanon, wurden auseinander genommen, wurden – wie ich fand – geglättet oder: handhabbar gemacht. Davon habe ich mich ziemlich bewusst abgewandt.

Kannst du dafür ein Beispiel geben? Wann, in welcher Zeit war das?

Ich würde mal grob Anfang der 1990er schätzen, da begann es, sich im akademischen Bereich bemerkbar zu machen.

Und wenn du von Rollback sprichst…

Also… Ich bin die Generation ohne BH. Und dann im Straßenbild zu sehen, wie die Dessous auftauchen. Wie die Werbung wieder da ist, in der ein Frauenbild erneut öffentlich und selbstverständlich wird, von dem ich dachte, das hätten wir echt hinter uns gelassen.
Das mit den Dessous drückt ziemlich genau aus, was ich meine. Ich erinnere mich, dass ich damals, das war Ende der 90er, von einer Redakteurin des Bayerischen Rundfunks interviewt wurde; tolles Feature: „Schön sein müssen“. Im Gespräch kamen wir darauf zu sprechen, wieviel von dem Geld, das Frauen verdienen, gebunden wird, damit sie einem ganz bestimmten Typus entsprechen. Das ist, was ich meine, wenn ich sage, ich erlebte es als Rollback. Für viele Frauen war es vielleicht selbstverständlich, es wurde nur immer teurer, es wurde immer stylischer.

Auch fachlich bewirkte die Gender-Diskussion Verschiebungen, nicht nur in den Geisteswissenschaften. In der Architektur stellten wir Fragen wie: Darf es noch dunkle Unterführungen geben, Räume der Angst? Wie gehen wir um mit Räumen der Angst? Daraus wurde: Sind Spielplätze geeignete Sozialisationsorte für Jungen und Mädchen? Komplett andere Ausrichtung. Davon habe ich mich bewusst abgewandt und rausgehalten.

Lass uns noch mal auf das Lesen von Büchern von Frauen zu sprechen kommen…

Das ist etwas, das ich aus der Zeit mitgenommen habe, es hat mir persönlich das Leben leicht gemacht.

Inwiefern?

Ich habe eine Vorauswahl. Es geht zudem um die Frage: Wie können sich Frauen untereinander ökonomisch stützen? Für mich ist es eine schlichte Entscheidung: Ich stütze ökonomisch und emotional Frauen. Das hat für mich eine Gültigkeit, die sich durchzieht von damals bis heute.

Du hast mir gesagt, dass du manchmal Ausnahmen bei der Lektüre  machst…

Ich liebe Paul Austers Konstruktion von Romanen, also lese ich Paul Auster. Willst du fragen, ob ich etwas vermisse?

Ja, oder ob dir da auch eine Farbe fehlt… aber das kannst du ja gar nicht beurteilen, oder…? [wir lachen]…

Das kann ich lapidar beantworten: die Erlebniswelten von lesbischen Kontexten und hetero Kontexten sind unterschiedlich.

Aber hast du das Gefühl, dass du in bestimmten Diskussionen…

Bei mir kommt schnell die Frage, welche Relevanz hat eine Diskussion für mich. Die Ausrichtung auf das, was Frauen denken, handeln, entwickeln hat für mich Priorität. Ich halte es auch nicht für die Aufgabe von Frauen, Männern ihr Rollenbild vorzuführen. Das ist Sache der Männer. Und wenn sie noch so viele Jahre, Jahrhunderte brauchen – das ist für uns problematisch und schlimm und katastrophal, aber es ist nicht unser Job. Ich denke, dass wir Frauen immer noch in einer bestimmten Care-Arbeit stecken, die uns festhält. Ich weiß, letztlich läuft das auf so etwas wie Gespaltenheit hinaus.
Ich hatte zum Beispiel meine Probleme, als innerhalb der Grünen Partei die Diskussion anfing, wie gehen wir mit der queeren Community um. Wo ich zu denen gehöre, die mit Zehen und Klauen verteidigen würden, dass der Frauenanteil mit 50:50 nicht aufgegeben wird. Das können wir uns in dieser Gesellschaft überhaupt nicht leisten!

Ich glaube nur… wir reden über das Lesen von Büchern, von Autorinnen… ich finde es einfach wunderbar, wenn ich Frauen entdecke, bei denen ich denke, boah, die schreiben so gnadenlos gut. Dann möchte ich von ihnen das lesen und das lesen und das lesen. Es erweitert meine Weiblichkeit. Das ist einer der ganz entscheidenden Punkte, wenn ich sage, ich lese Bücher von Frauen. Es ist meine Perspektive auf die Welt. Es sind weibliche Fragestellungen und Probleme. Ich fühle mich da wirklich zuhause und aufgehoben und bereichert.

Wenn ich mal eine andere Ausdrucksweise nenne als das Lesen. Kannst du dich erinnern, wann ist das gewesen? 2019 oder so? Als es die Initiative vom paritätischen Gesetz her gab, dass die Parteien Wahllisten mit 50 Prozent Frauen aufstellen sollen – die Forderung war eigentlich ‚müssen‘. Das ist gescheitert. Trotzdem bleibt es für mich eine der zentralen Forderungen, wenn wir über Demokratie reden. Eine Partei, die das nicht erfüllt, sollte nicht zugelassen werden. Ganz schlicht. Warum sollte sie? Sie repräsentiert nicht, was ist.
An solchen Punkten merke ich – nicht, dass ich resigniert habe, ich kann diese Sachen immer noch denken und fordern, aber ich bin da nicht mehr unterwegs vom Engagement her, von der Diskussion.

Denkst du, dass es im Moment überhaupt Kräfte gibt, die…

…das wollen?

Ja. Wenn ich dich über deinen Feminismus reden höre und sehe, was heute los ist..

…klafft ein bisschen auseinander?

Ja. Mit den BHs und den Dessous fängt es an…

Letzte Woche bin ich bewusst an einem Stand gewesen von „Omas gegen rechts“. Ich habe mich dort wohl gefühlt. Sie haben Präsenz, sie wissen, warum sie tun, was sie tun. Ich dachte, ach, die könnten mir wieder gefallen.
Ich gehe nicht mehr auf die Ebene, mich mit dem, was von jungen Frauen heute als feministische Perspektive formuliert wird, aktiv auseinander zu setzen. Dazu habe ich auch keine Berechtigung. Das wäre so, als hätte uns in den 70ern eine Suffragette gesagt, hört mal, das hatten wir alles schon, geht mal einen Schritt weiter. – Wir mussten trotzdem selber gehen. Heute ist es nicht anders. Das hat eine innere Logik: Mein Weg hat mich hierhin geführt.

Zurück zu den Büchern, hast du ein paar Beispiele von Büchern, die für dich wichtig und bedeutsam waren?

Mit unserem letzten Umzug in eine kleinere Wohnung mussten Bücher verschwinden. [Sie holt eine große bunte Schachtel aus dem Buchregal]. Hier sind einige der Schutzumschläge von Büchern, die relevant waren oder immer noch sind, aber die wir nicht länger aufbewahren wollten; wir werden sie nicht noch mal lesen. [Sie blättert durch die Umschläge in der Kiste.] Irmtraut Morgner. Jane Smiley. „Tausend Morgen“ – das Buch von Smiley machte mir den mittleren Westen Amerikas in seiner ganzen Brutalität gegen Frauen klar. [Blättert weiter] … die feministische Grundlagenliteratur müssen wir jetzt nicht aufzählen. Aber das zum Beispiel, Carlotte Wolff, „Innenwelt und Außenwelt. Autobiographie eines Bewusstseins“. Sie war in den 1920er eine androgyne, sehr hart erscheinende, homosexuell ausgerichtete Frau und sie hat Handlesen betrieben. Es gibt wahrscheinlich mehrere Bücher in der Zeit von Männern über das Handlesen. Mich hat ja nicht das Handlesen interessiert, mich hat die Frau interessiert und die hat sich mit Handlesen beschäftigt, total fokussiert, das fand ich spannend. Sie hat auch einen Roman geschrieben, „Flickwerk“; eine Dreiecksbeziehung zwischen drei Frauen. Das wäre heute noch spannend, wie das aufgedröselt wird.
Dann ist hier auch was drin, ich suche in der Schatzkiste, es müsste hier eigentlich drin sein. Sagt dir das Buch was?

Ingeborg Drewitz „Gestern war Heute“.

Das Buch erschien etwa im letzten Jahr bevor wir den Frauenbuchladen geschlossen haben und ich wüsste nicht, welche von unseren Kundinnen das Buch nicht gelesen und es dann nicht ihrer Mutter zu Weihnachten schenkte. Es eröffnete damals den Dialog zwischen Töchtern und Müttern, und zwar nicht über die Rolle als Frau, sondern darüber, was die Mütter eigentlich erlebt haben. Die Kriegsgeneration und so. Für mich ein Beispiel, dass Bücher etwas bewegen können in der Verständigung. Das Gefühl, daran mitgearbeitet zu haben, ist schön. Es damals gespürt zu haben, da geht gerade was. Selbst wenn die Community nur klein war, ist egal.

In eurer feministischen Zeit war es klar: Frauen – Männer.

Ich weiß gerade nicht, ob ich differenzieren muss zwischen Lesben und Heteras und Heteros. Ich glaube, ja. Schwul hat noch keine große Rolle gespielt.

Interessiert dich Literatur von Transpersonen?

Nein. Vielleicht ist das ein gutes Beispiel: Das, was in der queeren Community passiert, hat für mich einen absoluten Status von, die haben Recht zu experimentieren, Positionen zu entwickeln, Forderungen zu entwickeln. Ich muss nicht dabei sein. Nur, wenn das gekapert und gehypt wird und zu etwas wird, das nichts mehr mit der Identitätsfindung in der Community zu tun hat, dann finde ich das genauso missbräuchlich wie manche Filme, die mit weiblicher Erotik spielen, indem sie ein Lesbenpaar, ein Frauenpaar zeigen. Das finde ich missbräuchlich und lehne es ab.

Könntest du so etwas wie weibliches Schreiben benennen?

Kenne ich nicht. Würde ich dein Schreiben weibliches Schreiben nennen? Kann ich nicht. Es ist Sela, die da schreibt. Aber apropos Missbrauch – ich finde, wenn männliche Autoren vorgeben, sich im inneren Monolog einer weiblichen Protagonistin ausleben zu können, dann ist das für mich ein No-Go. Auf welcher Grundlage?

Und umgekehrt?

Wüsste ich gerade nicht. Macht ihr das? [Sie schaut fragend in ihr Bucherregal.] Macht ihr das??  [Gelächter.]

Hast du Harry Potter gelesen?

Nein.

Das fällt mir gerade ein, weil Joanne K. Rowling mit einem nicht weiblichen Namen angetreten ist, sie hat sich ja quasi neutralisiert zu J.K. Rowling.

Ja. Ist ok, oder?

Naja, die Frage ist, ob der Erfolg gekommen wäre, wenn sie unter weiblichen Namen geschrieben hätte.

Die Frage können wir stellen..

… aber wir können sie nicht beantworten.

Ich möchte da keine Energie reingeben. Alleine mich das zu fragen oder zu spekulieren. Das ist dann die Zorn-Ecke.

Gutes Stichwort: Wenn ich dir zuhöre, denke ich, wo ist die Wut, der Zorn? Ist das vergangen, kommt das manchmal noch hoch? Du hast ja auch benannt, es gab diesen Rollback…

Und den habe ich selbst mitgemacht, indem ich konventionell in einen Job reingegangen bin.
[Sie atmet tief aus.] Sorry, im Moment erwischt du mich an dieser Schwelle von… ist meine Radikalität das Wesentliche? Oder immer dann ein Nein sagen zu können, wenn es gefordert ist? Das, hoffe ich, bleibt stark.

Ich war kürzlich bei der Aufstellungsversammlung für die Wahl zum Landrat in Landsberg, die Grüne Partei hat eine Kandidatin aufgestellt. Es ist völlig richtig, dass es eine Gegenkandidatin gibt zum jetzt amtierenden Landrat. Und dann wurde in der Versammlung bedeutungsschwanger gesagt: Und der Wahltag ist der 8. März. – Ich bin mir nicht sicher, ob bei allen ein Groschen fiel! Was resultiert daraus?
Niemand in der Runde stand auf und sagte, ok, wir starten eine Kampagne: Frauen wählt! Läge sozusagen auf der Hand. Oder einen Schritt weitergehend: Wählt Dani, weil…! Du kannst das in verschiedenste Richtungen spielen. Doch es passierte gar nichts. In der Situation frage ich mich dann selbst: Lohnt es, was zu sagen? Spaß hätte ich gehabt an: Frauen wählt! Egal wen, aber ihr habt zumindest eine Stimme und damit eine Verantwortung. Hm, war das eine Antwort auf dein zornig?

Eigentlich war mein Zorn der Ausgangspunkt, überhaupt dieses Interview zu führen. Mir steht es gerade bis obenhin. Zu viele Männer, die das Sagen haben auf eine ungute Weise. In der Weltpolitik und bis zu den Wahlscheinen runter.

Ich habe gestern Lea Ypi im Literaturhaus gehört. Sie hat es sehr gut formuliert: „Wer jetzt sagt, dass sich Geschichte wiederholt, verkennt, nicht die Geschichte wiederholt sich, sondern unsere Dummheit wiederholt sich.“ Weil wir nicht gelernt haben, die richtigen Fragen zu stellen.
Ich glaube schon, dass ich gelernt habe – aus meiner Perspektive – die Fragen richtig zu stellen. Dass ich im Moment nicht so sehr an den Antworten mitarbeite gestehe ich mir zu.

Weißt du, mit Blick auf meine Biografie habe ich nicht das Gefühl, etwas verloren zu haben. Sondern ich bin von da weitergegangen. Unser Engagement mit den Schreibräumen war ein großes inneres Geschenk. [Anmerkung: Zusammen mit ihrer Partnerin Jutta Beuke gründete Ilse nach einem Studium an der Alice-Salomon Hochschule in Berlin, das sie mit 54 Jahren begann, die „Schreibräume“. Zusammen gaben sie in den letzten 15 Jahren regelmäßig Seminare für Kreatives und biografisches Schreiben, https://www.schreibraeume.de.]
Ich konnte mit unseren Schreibräume-Angeboten dazu beitragen, dass viele Frauen Schritte für sich weitergehen konnten. Das ist eine ganz andere Ebene, als es der Frauenbuchladen war. Aber auch da ging es darum, etwas zu ermöglichen. Gedankenräume zu öffnen. Deswegen bin ich einverstanden damit, dass das eine Geschichte ist und das andere… – vielleicht wird es gerade Geschichte.

Sag‘ mir zuletzt noch eine Buchempfehlung, das letzte Buch, das dir gefiel?

Ich nehme Joan Didions „Das Jahr des magischen Denkens“. Weil ich es so wahnsinnig aufregend finde, darin einer Frau beim Denken zuzuhören.
Oder noch was anderes, was heiteres? Wo habe ich denn mein schwarzes Buch?

Schreibst du auf, was du gelesen hast?

[Sie blättert in einem Notizbuch, sucht dann ein Buch im Regal und reicht es mir.]

„Über die See“, Mariette Navarro. Worum geht’s?

Sie ist Kapitänin eines riesigen Tankers. Sie befinden sich irgendwo auf dem Ozean, es verändert sich atmosphärisch total. Keiner weiß, was los ist. Ein Geist? Spiritualität? Keine Ahnung. Sie nimmt es wahr, sie nimmt wahr, dass die Mannschaft sich verändert, sie springen alle in den Ozean und schwimmen. Und sie schafft es, mit allen wieder zurück zu kommen, in die Realität. Diese Kapitänin ist eine Frau, die dank ihrer Verbundenheit etwas zulassen kann, was unvorstellbar ist. Wie heißt es denn hier [liest den Klappentext]: „Es fesselt von der ersten bis zur letzten Seite.“ – Das tut es in der Tat! Es geht nicht um Selbstermächtigung, sondern darum, in sich gefestigt zu sein, zu wissen, ich halte aus, was ist. Ich halte aus, was kommt.